Gesprächsreihe #MeinLeben – Geflüchtete erzählen: Drei Syrer bei der Feuerwehr

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Übungsabend im Feuerwehrhaus Altgandersheim. Peter Schnute hat seine Truppe im Griff; es geht um Gefahrenabwehr und Selbstschutz bei Einsätzen. „Etwas langweilig, trocken, aber wichtig“, wird gewarnt. Fachbegriffe, Filme, eine Powerpoint-Präsentation. Hin und wieder greift Schnute ein: „Im echten Leben muss es manchmal anders gehen“. Alle nicken. Auch die drei Männer in der hinteren Reihe. Sie lächeln viel, verstehen nur wenig. Zwei Dinge haben Omar, Ahmad und Aber gemeinsam. Sie teilen sich einen Nachnamen: Saghir. Und eine 20-tägige Tortur von Syrien nach Deutschland.

Es brennt. Zum Glück nur auf den Bildern. In Syrien liegt kaum noch ein Stein auf dem anderen. An ein normales Leben sei dort nicht mehr zu denken, sagt Omar. Er ist der Onkel von Ahmad, Abers Cousin und kann von den dreien am besten Deutsch. Seit fünf Monaten leben sie in Deutschland. Über die Notunterkunft in Friedland sind sie schließlich in Altgandersheim gelandet. Mit nicht einmal 500 Einwohnern teilen sie sich jetzt ein friedliches Stück Erde. Sie sind Ingenieure, und Handwerker. „Wir wurden gut aufgenommen, die Nachbarn haben sich sofort nach uns erkundigt“, erinnert er sich. Omar überlegt lange auf der Suche nach den richtigen deutschen Worten. Jede freie Minute nutzen die drei, um die neue Sprache zu lernen. „Zeit, davon haben wir viel“, sagt er kurz und knapp.

Cousin Aber ist Friseur. Seine Hilfsbereitschaft spricht sich schnell herum. Es entstehen so etwas wie Freundschaften. Und dann gibt es da diesen Ortsmittelpunkt: die Freiwillige Feuerwehr. „Einer unserer Freunde hat uns einfach mal mitgenommen. Das war Anfang des Jahres“, sagt Omar. Und sie kamen jede Woche wieder. Er ist inzwischen ins russische gewechselt. Zehn Jahre hat er dort gelebt. Alexander übersetzt; er ist in Russland aufgewachsen, vor vielen Jahren ebenfalls geflüchtet und ebenfalls Teil der Feuerwehr in Altgandersheim.

Zusammen lachen sie viel. Weil sie sich verstehen. „Sprache ist so wichtig“, betont Omar. Kommunikation war sein Fachgebiet: In Syrien hat er für einen großen Telekommunikations-Konzern gearbeitet. Alle drei bekommen regelmäßig Sprachkurse. Die beste Schule aber ist das echte Leben. Und die Grundausbildung bei der Feuerwehr mit Begriffen wie „Hydrant“, „Schlauch“ oder „Standrohr“.

Das System einer Freiwilligen Feuerwehr gibt es so nur in Deutschland. Und es begeistert die drei Syrer. Hinter ihnen liegt eine Heimat in Schutt und Asche. „Ich mag die Idee der Feuerwehr, der gegenseitigen Hilfe“. schwärmt Omar. Wer Feuerwehrleute fragt, warum sie freiwillig in die Flammen gehen, hört oft dasselbe: Menschen helfen. Vor allem aber ein Wort: Kameradschaft. Vertrauen zueinander, füreinander einstehen, einander helfen. Das Imponiert den drei Syrern, die nach ihrer wochenlangen Reise in das sichere Europa durch die Hölle gegangen sind.

„Die Zeit in Friedland war schwierig. Aber hier werden uns Hände entgegengestreckt. Uns wird geholfen, und wir wollen etwas zurückgeben“, sagt Omar langsam, aber bestimmt, „wir wollen nicht nur herumsitzen.“ Sie gucken und hören viel zu. Wie verletzte aus einem Auto gerettet, Fettbrände gelöscht oder Schläuche ausgerollt werden. Und wie nach den Übungsabenden geplaudert wird. Über die Flucht, das erlebte und den Krieg sprechen sie nicht. „Wir wollen gerne darüber reden, aber es ist schwer“, winkt Omar ab. Lieber privates, lieber lachen und lernen. Deutschland, sagt er weiter, das ist immer ein Traum oder eine Idee vom Guten in der Ferne gewesen. Vielleicht sind sie noch nicht zuhause, „aber angekommen“.

Peter Schnute ist sehr zufrieden mit seinen neuen Kameraden. Gut möglich, dass sie in einem Jahr selber raus dürfen auf die roten Wagen mit dem Blaulicht, dem Löschschlauch und der langen Leiter. Raus und Leben retten. Noch aber ist der Weg lang und die Zukunft ungewiss. Omar, Ahmad und Aber Saghir hoffen, auch den Rest ihrer Familie bald in Sicherheit zu wissen. Hoffen, die Sprache fließend zu beherrschen, Arbeit zu finden und den Krieg zu vergessen. „Schön, dass es so etwas gibt“, sagt Omar. Hoffnung, die Feuerwehr und Menschen mit offenen Herzen.

Text: Christian Vogelbein @ www.flucht.schachtier.de
Fotos: Ali Akthar, Moqim Moqim, Majid Aliniae

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