Gesprächsreihe #MeinLeben – Helfer erzählen: Miriam

Die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ wird in den folgenden Wochen in Interviews Flüchtlingsbegleiter vorstellen, die in Bad Gandersheim wohnenden Flüchtlingen auf dem Weg zur Integration in unsere Gesellschaft hilfreich zur Seite stehen. Sie geben einen Einblick in ihre nicht immer einfache Arbeit, die täglichen Erfahrungen mit Ämtern, Bürokratie und Mitmenschen.
Auch die Flüchtlinge selbst kommen zu Wort. Eindrucksvoll schildern sie in den Interviews die Situation in ihrem Heimatland, Gründe, die sie zur Flucht trieben und die teilweise dramatischen Erlebnisse unterwegs, die sie nicht vergessen können. Ebenso erzählen sie von ihren ersten gewonnenen Eindrücken und Erfahrungen in unserem Land.

Miriam M. – aktive Flüchtlingsbegleiterin                                                                

„Ich bin auf die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ gestoßen, als ich intensiv nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht habe, die ich neben meiner Berufstätigkeit und dem Familienleben übernehmen konnte.“ Miriam M. ist seit Mai 2015 aktives Mitglied der Gruppe in Bad Gandersheim. Die ausgebildete Krankenschwester half damals spontanMiriam M. das ehemalige Hotel Bartels für 350 angekündigte Flüchtlinge als Erstaufnahmeeinrichtung mit einzurichten. „Als sich herausstellte, dass das Hotel doch keine Asylsuchenden beherbergen sollte und der Urzustand des Hauses wieder hergestellt werden musste, war ich zwar frustriert, suchte aber trotzdem weiter nach Möglichkeiten ankommenden Flüchtlingen helfen zu können. Dabei stieß ich dann im Mai auf die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘, die sich in Bad Gandersheim mit Unterstützung der Diakonie gebildet hatte.“ Miriam half zunächst mit die Organisationsstruktur der Initiative zu verbessern. „Als ich in die Gruppe kam, sah ich zwar schon zahlreiche Helfer, die in Bad Gandersheim neu angesiedelte Flüchtlinge tatkräftig unterstützten, aber es fehlte noch der klare organisatorische Rahmen.“ Hilfestellung und eine Vernetzung mit den für die Flüchtlinge zuständigen Behörden waren auch erst im Aufbau. „Damals musste viel improvisiert werden. Die Verständigung mit den Flüchtlingen war oft äußerst schwierig, da kaum einer von ihnen sich in deutscher Sprache mitteilen konnte. Englisch und Französisch beherrschten auch nur wenige. Deshalb mussten wir uns umgehend nach Menschen umschauen, die als Dolmetscher fungieren konnten. Wir schafften es tatsächlich ein kleines Netzwerk mit Bad Gandersheimern aufzubauen, die arabisch, französisch oder englisch sprechen konnten und dadurch zur besseren und notwendigen Verständigung mit den neu angekommenen Mitbürgern beitrugen. Auch die Kommunikation untereinander war noch nicht optimal und musste schnell ausgebaut werden.“ Heute, glaubt Miriam, ist die Gruppe durch sinnvolle Aufgabenteilung schon so weit, dass sie auch nach außen hin gut aufgestellt erscheint. „Mit diesen organisatorischen Aktivitäten einen sinnvollen Beitrag für die Strukturierung der Flüchtlingshilfe vor Ort zu leisten, macht mir seit Beginn schon sehr viel Spaß.“

Neben diesen Tätigkeiten betreut Miriam noch persönlich Flüchtlinge als aktive FlüchtlingeBegleiterin: „Ich betreue zur Zeit ein syrisches Ehepaar und helfe zwei jungen irakischen Brüdern, dreizehn und zweiundzwanzig Jahre alt, die im letzten Jahr allein in Deutschland angekommen sind, sich schnell in unserer Gesellschaft einzuleben. Ich unterstütze sie im Kontakt mit Behörden und anderen Institutionen und deren Anfragen, gebe Hilfestellung beim nicht immer einfachen Schriftverkehr oder helfe beispielsweise bei der Organisation eines anstehenden Umzugs. Auch gerade für junge Leute wichtige Freizeitaktivitäten biete ich den beiden manchmal an, da der Alltag außerhalb der Schule sonst häufig eintönig und langweilig verläuft, hervorgerufen durch Kontaktarmut und mangelnde Mobilität auf dem Lande.“

Zur Dauer ihrer Unterstützungsarbeit sagt Miriam: „Etwa acht Stunden pro Woche helfe ich im Rahmen der Flüchtlingsinitiative, was ich sehr gerne tue, da es sich gut mit meinem Beruf und der Familie vereinbaren lässt. Ich ziehe aber auch die Grenze, wo dann Schluss ist, wo ich mich sonst überfordere. Denn zu tun ist immer etwas und viele Flüchtlinge sind mangels Helfer leider nicht im notwendigen Maße ausreichend betreut. Hier braucht es dringend weitere Unterstützer.“

Gefragt nach Kenntnissen über das von ihren betreuten Flüchtlingen auf der Flucht Erlebte, meint Miriam: “Es ist natürlich unterschiedlich, was die Menschen von ihren teils traumatischen Erlebnissen preisgeben möchten und was nicht. Ich habe für mich aber entschieden, dass ich mir die schrecklichen Geschichten von unterwegs gar nicht erst anhören möchte, weil es mich zu sehr betroffen machen könnte. Da ist ein professioneller psychologischer Beistand notwendig, um die teilweise traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten. Dazu muss man aber sagen, dass es in absehbarer Zeit leider noch keine schnelle Hilfe für Betroffene geben wird. Zulange sind die Wartezeiten, um einen  Termin für eine  psychologische Beratung zu bekommen.“

Zu den Erfahrungen mit deutschen Mitbürgern erklärt Miriam: „…die  materielle Unterstützung durch Kleidungs- und Möbelspenden besonders im Bekanntenkreis ist weiterhin ungebrochen, aber die ‚Flüchtlingsmüdigkeit‘ greift in letzter Zeit doch immer mehr um sich. Die anfänglich beobachtete Euphorie ist vorbei. Ich erlebe auch in letzter Zeit verhaltene kritische Äußerungen und sogar Distanzierungen zu meinem persönlichen Einsatz. Das finde ich schade, denn es geht darum, zu helfen und dadurch die Integration in unserer aller Sinne zu fördern.“

Nach Miriams Meinung benötigen die neuen Mitbürger zukünftig vorrangig „…endlich eine Aufgabe, eine Beschäftigung, unbedingt etwas Sinnvolles machen können. Sie wollen arbeiten oder zumindest ein berufsvorbereitendes Praktikum beginnen!“

Abschließend wünscht sich Miriam für die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ „…dass wir die Organisation, die interne Kommunikation und Absprachen unbedingt weiter verbessern, damit die Arbeit jedes einzelnen Helfers effektiver gestaltet werden kann, was besonders den zugezogenen neuen Mitbürgern zu Gute käme.“ (ni)

 

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