Gesprächsreihe #MeinLeben – Geflüchtete erzählen: Drei Syrer bei der Feuerwehr

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Übungsabend im Feuerwehrhaus Altgandersheim. Peter Schnute hat seine Truppe im Griff; es geht um Gefahrenabwehr und Selbstschutz bei Einsätzen. „Etwas langweilig, trocken, aber wichtig“, wird gewarnt. Fachbegriffe, Filme, eine Powerpoint-Präsentation. Hin und wieder greift Schnute ein: „Im echten Leben muss es manchmal anders gehen“. Alle nicken. Auch die drei Männer in der hinteren Reihe. Sie lächeln viel, verstehen nur wenig. Zwei Dinge haben Omar, Ahmad und Aber gemeinsam. Sie teilen sich einen Nachnamen: Saghir. Und eine 20-tägige Tortur von Syrien nach Deutschland.

Es brennt. Zum Glück nur auf den Bildern. In Syrien liegt kaum noch ein Stein auf dem anderen. An ein normales Leben sei dort nicht mehr zu denken, sagt Omar. Er ist der Onkel von Ahmad, Abers Cousin und kann von den dreien am besten Deutsch. Seit fünf Monaten leben sie in Deutschland. Über die Notunterkunft in Friedland sind sie schließlich in Altgandersheim gelandet. Mit nicht einmal 500 Einwohnern teilen sie sich jetzt ein friedliches Stück Erde. Sie sind Ingenieure, und Handwerker. „Wir wurden gut aufgenommen, die Nachbarn haben sich sofort nach uns erkundigt“, erinnert er sich. Omar überlegt lange auf der Suche nach den richtigen deutschen Worten. Jede freie Minute nutzen die drei, um die neue Sprache zu lernen. „Zeit, davon haben wir viel“, sagt er kurz und knapp.

Cousin Aber ist Friseur. Seine Hilfsbereitschaft spricht sich schnell herum. Es entstehen so etwas wie Freundschaften. Und dann gibt es da diesen Ortsmittelpunkt: die Freiwillige Feuerwehr. „Einer unserer Freunde hat uns einfach mal mitgenommen. Das war Anfang des Jahres“, sagt Omar. Und sie kamen jede Woche wieder. Er ist inzwischen ins russische gewechselt. Zehn Jahre hat er dort gelebt. Alexander übersetzt; er ist in Russland aufgewachsen, vor vielen Jahren ebenfalls geflüchtet und ebenfalls Teil der Feuerwehr in Altgandersheim.

Zusammen lachen sie viel. Weil sie sich verstehen. „Sprache ist so wichtig“, betont Omar. Kommunikation war sein Fachgebiet: In Syrien hat er für einen großen Telekommunikations-Konzern gearbeitet. Alle drei bekommen regelmäßig Sprachkurse. Die beste Schule aber ist das echte Leben. Und die Grundausbildung bei der Feuerwehr mit Begriffen wie „Hydrant“, „Schlauch“ oder „Standrohr“.

Das System einer Freiwilligen Feuerwehr gibt es so nur in Deutschland. Und es begeistert die drei Syrer. Hinter ihnen liegt eine Heimat in Schutt und Asche. „Ich mag die Idee der Feuerwehr, der gegenseitigen Hilfe“. schwärmt Omar. Wer Feuerwehrleute fragt, warum sie freiwillig in die Flammen gehen, hört oft dasselbe: Menschen helfen. Vor allem aber ein Wort: Kameradschaft. Vertrauen zueinander, füreinander einstehen, einander helfen. Das Imponiert den drei Syrern, die nach ihrer wochenlangen Reise in das sichere Europa durch die Hölle gegangen sind.

„Die Zeit in Friedland war schwierig. Aber hier werden uns Hände entgegengestreckt. Uns wird geholfen, und wir wollen etwas zurückgeben“, sagt Omar langsam, aber bestimmt, „wir wollen nicht nur herumsitzen.“ Sie gucken und hören viel zu. Wie verletzte aus einem Auto gerettet, Fettbrände gelöscht oder Schläuche ausgerollt werden. Und wie nach den Übungsabenden geplaudert wird. Über die Flucht, das erlebte und den Krieg sprechen sie nicht. „Wir wollen gerne darüber reden, aber es ist schwer“, winkt Omar ab. Lieber privates, lieber lachen und lernen. Deutschland, sagt er weiter, das ist immer ein Traum oder eine Idee vom Guten in der Ferne gewesen. Vielleicht sind sie noch nicht zuhause, „aber angekommen“.

Peter Schnute ist sehr zufrieden mit seinen neuen Kameraden. Gut möglich, dass sie in einem Jahr selber raus dürfen auf die roten Wagen mit dem Blaulicht, dem Löschschlauch und der langen Leiter. Raus und Leben retten. Noch aber ist der Weg lang und die Zukunft ungewiss. Omar, Ahmad und Aber Saghir hoffen, auch den Rest ihrer Familie bald in Sicherheit zu wissen. Hoffen, die Sprache fließend zu beherrschen, Arbeit zu finden und den Krieg zu vergessen. „Schön, dass es so etwas gibt“, sagt Omar. Hoffnung, die Feuerwehr und Menschen mit offenen Herzen.

Text: Christian Vogelbein @ www.flucht.schachtier.de
Fotos: Ali Akthar, Moqim Moqim, Majid Aliniae

Die kleine Namin seit Dienstagnacht auf der Welt und damit bei uns angekommen

Mussie und Merry, die jungen Eltern aus Eritrea sind überglücklich, dass sie nun eine kleine Familie und vor allem hier in Sicherheit sind. Im Januar 2012 hatten sie in EritreaNamin geheiratet, doch ihr gemeinsames Glück dauerte nur 4 Monate. Ein Einberufungsbrief zum Militär kam ins Haus und damit das Todesurteil für den jung verheirateten Mussie. Schon sein älterer Bruder wurde über Jahre beim Militär fest gehalten und kam erst im Sarg nach Hause. Mussie musste um sein Leben bangen und floh. Damit begann eine vierjährige Odyssee zu Fuß durch den Sudan. Dort fand er immer wieder einmal Hilfsjobs, mit denen er verschiedene Schlepper bezahlen musste. Dann ging es weiter nach Libyen, wo er monatelang im Gefängnis zubringen musste. Die Überfahrt in hebammeSchlepperbooten ging nach Sardinien. Dort lebte er wiederum monatelang auf der Straße. Er wäre verhungert, wenn er nicht immer wieder Essen von dort ansässigen Ordensschwestern bekommen hätte. Irgendwann ging es dann nicht mehr ganz so gefährlich über Rom mit dem Zug nach Deutschland ins Auffanglager Friedland. Inzwischen hatte sich auch seine Frau Merry auf den Weg gemacht, wobei sie auflachte als sie gefragt wurde, ob das mit dem Flugzeug für sie möglich war. Die Mutter hatte Merry ihre einzige bescheidene Altersvorsorge, einige goldene Ketten, mit auf den Weg gegeben. Irgendwann im letzten Jahr ist das Paar in Friedland wieder überglücklichEltern zusammen gekommen. Im August 2015 wurden sie uns nach Bad Gandersheim zugewiesen. Kann man sich vorstellen beziehungsweise erahnen, was es diesen beiden Menschen bedeutet jetzt hier in einer Wohnung zu leben?  Alle notwendigen Möbel haben sie inzwischen von der Bevölkerung geschenkt bekommen. Jetzt konnten sie sich in Ruhe und vor allem ohne Angst auf ihr kleines Mädchen freuen. Und dann erlebten sie die Schwangerschaft, die wunderbare Begleitung einer Hebamme, die freundliche Begrüßung auf der Entbindungsstation der Helios Klinik, das schnelle umsichtige Eingreifen des Frauenarztes in der Nacht als die Wehen kamen, beim_Friseurum den nötigen Kaiserschnitt durchzuführen, das liebevolle „Umsorgtwerden“ auf der Entbindungsstation. Beide, Merry und Mussie haben in diesen Tagen immer wieder in ihrem noch nicht so flüssigen Deutsch:“ Gott! Danke!“ aus tiefsten Herzen gesagt und danken damit auch der menschlichen Liebe, die sie hier umgibt. Schon am Nachmittag, nach der durchwachten Nacht am Bett seiner Frau ist Mussie wieder im Friseursalon Siebrecht, der ihm eine 14tägige Hospitation ermöglicht. Er hat in Eritrea als Friseur gearbeitet und möchte so gerne irgendeine, möglichst körperlich fordernde Arbeit finden und damit für seinen Familienunterhalt selbst sorgen. (pi)

Bild 1: Die kleine Namin, 7 Stunden alt

Bild 2: Die Hebamme Vera Pawelowski begleitet die nächtliche Geburt

Bild 3: Uff! es ist geschafft!

Bild 4: Kennenlernen der Arbeitswelt in Deutschland im Friseursalon Siebrecht

Gesprächsreihe #MeinLeben – Helfer erzählen: Miriam

Die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ wird in den folgenden Wochen in Interviews Flüchtlingsbegleiter vorstellen, die in Bad Gandersheim wohnenden Flüchtlingen auf dem Weg zur Integration in unsere Gesellschaft hilfreich zur Seite stehen. Sie geben einen Einblick in ihre nicht immer einfache Arbeit, die täglichen Erfahrungen mit Ämtern, Bürokratie und Mitmenschen.
Auch die Flüchtlinge selbst kommen zu Wort. Eindrucksvoll schildern sie in den Interviews die Situation in ihrem Heimatland, Gründe, die sie zur Flucht trieben und die teilweise dramatischen Erlebnisse unterwegs, die sie nicht vergessen können. Ebenso erzählen sie von ihren ersten gewonnenen Eindrücken und Erfahrungen in unserem Land.

Miriam M. – aktive Flüchtlingsbegleiterin                                                                

„Ich bin auf die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ gestoßen, als ich intensiv nach einer sinnvollen Aufgabe gesucht habe, die ich neben meiner Berufstätigkeit und dem Familienleben übernehmen konnte.“ Miriam M. ist seit Mai 2015 aktives Mitglied der Gruppe in Bad Gandersheim. Die ausgebildete Krankenschwester half damals spontanMiriam M. das ehemalige Hotel Bartels für 350 angekündigte Flüchtlinge als Erstaufnahmeeinrichtung mit einzurichten. „Als sich herausstellte, dass das Hotel doch keine Asylsuchenden beherbergen sollte und der Urzustand des Hauses wieder hergestellt werden musste, war ich zwar frustriert, suchte aber trotzdem weiter nach Möglichkeiten ankommenden Flüchtlingen helfen zu können. Dabei stieß ich dann im Mai auf die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘, die sich in Bad Gandersheim mit Unterstützung der Diakonie gebildet hatte.“ Miriam half zunächst mit die Organisationsstruktur der Initiative zu verbessern. „Als ich in die Gruppe kam, sah ich zwar schon zahlreiche Helfer, die in Bad Gandersheim neu angesiedelte Flüchtlinge tatkräftig unterstützten, aber es fehlte noch der klare organisatorische Rahmen.“ Hilfestellung und eine Vernetzung mit den für die Flüchtlinge zuständigen Behörden waren auch erst im Aufbau. „Damals musste viel improvisiert werden. Die Verständigung mit den Flüchtlingen war oft äußerst schwierig, da kaum einer von ihnen sich in deutscher Sprache mitteilen konnte. Englisch und Französisch beherrschten auch nur wenige. Deshalb mussten wir uns umgehend nach Menschen umschauen, die als Dolmetscher fungieren konnten. Wir schafften es tatsächlich ein kleines Netzwerk mit Bad Gandersheimern aufzubauen, die arabisch, französisch oder englisch sprechen konnten und dadurch zur besseren und notwendigen Verständigung mit den neu angekommenen Mitbürgern beitrugen. Auch die Kommunikation untereinander war noch nicht optimal und musste schnell ausgebaut werden.“ Heute, glaubt Miriam, ist die Gruppe durch sinnvolle Aufgabenteilung schon so weit, dass sie auch nach außen hin gut aufgestellt erscheint. „Mit diesen organisatorischen Aktivitäten einen sinnvollen Beitrag für die Strukturierung der Flüchtlingshilfe vor Ort zu leisten, macht mir seit Beginn schon sehr viel Spaß.“

Neben diesen Tätigkeiten betreut Miriam noch persönlich Flüchtlinge als aktive FlüchtlingeBegleiterin: „Ich betreue zur Zeit ein syrisches Ehepaar und helfe zwei jungen irakischen Brüdern, dreizehn und zweiundzwanzig Jahre alt, die im letzten Jahr allein in Deutschland angekommen sind, sich schnell in unserer Gesellschaft einzuleben. Ich unterstütze sie im Kontakt mit Behörden und anderen Institutionen und deren Anfragen, gebe Hilfestellung beim nicht immer einfachen Schriftverkehr oder helfe beispielsweise bei der Organisation eines anstehenden Umzugs. Auch gerade für junge Leute wichtige Freizeitaktivitäten biete ich den beiden manchmal an, da der Alltag außerhalb der Schule sonst häufig eintönig und langweilig verläuft, hervorgerufen durch Kontaktarmut und mangelnde Mobilität auf dem Lande.“

Zur Dauer ihrer Unterstützungsarbeit sagt Miriam: „Etwa acht Stunden pro Woche helfe ich im Rahmen der Flüchtlingsinitiative, was ich sehr gerne tue, da es sich gut mit meinem Beruf und der Familie vereinbaren lässt. Ich ziehe aber auch die Grenze, wo dann Schluss ist, wo ich mich sonst überfordere. Denn zu tun ist immer etwas und viele Flüchtlinge sind mangels Helfer leider nicht im notwendigen Maße ausreichend betreut. Hier braucht es dringend weitere Unterstützer.“

Gefragt nach Kenntnissen über das von ihren betreuten Flüchtlingen auf der Flucht Erlebte, meint Miriam: “Es ist natürlich unterschiedlich, was die Menschen von ihren teils traumatischen Erlebnissen preisgeben möchten und was nicht. Ich habe für mich aber entschieden, dass ich mir die schrecklichen Geschichten von unterwegs gar nicht erst anhören möchte, weil es mich zu sehr betroffen machen könnte. Da ist ein professioneller psychologischer Beistand notwendig, um die teilweise traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten. Dazu muss man aber sagen, dass es in absehbarer Zeit leider noch keine schnelle Hilfe für Betroffene geben wird. Zulange sind die Wartezeiten, um einen  Termin für eine  psychologische Beratung zu bekommen.“

Zu den Erfahrungen mit deutschen Mitbürgern erklärt Miriam: „…die  materielle Unterstützung durch Kleidungs- und Möbelspenden besonders im Bekanntenkreis ist weiterhin ungebrochen, aber die ‚Flüchtlingsmüdigkeit‘ greift in letzter Zeit doch immer mehr um sich. Die anfänglich beobachtete Euphorie ist vorbei. Ich erlebe auch in letzter Zeit verhaltene kritische Äußerungen und sogar Distanzierungen zu meinem persönlichen Einsatz. Das finde ich schade, denn es geht darum, zu helfen und dadurch die Integration in unserer aller Sinne zu fördern.“

Nach Miriams Meinung benötigen die neuen Mitbürger zukünftig vorrangig „…endlich eine Aufgabe, eine Beschäftigung, unbedingt etwas Sinnvolles machen können. Sie wollen arbeiten oder zumindest ein berufsvorbereitendes Praktikum beginnen!“

Abschließend wünscht sich Miriam für die Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ „…dass wir die Organisation, die interne Kommunikation und Absprachen unbedingt weiter verbessern, damit die Arbeit jedes einzelnen Helfers effektiver gestaltet werden kann, was besonders den zugezogenen neuen Mitbürgern zu Gute käme.“ (ni)

 

Aktion Fahrradwerkstatt – Örtliche Mobilität der Flüchtlinge verbessern

Am Sonnabend 22.02. trafen sich in Bad Gandersheim Flüchtlinge und Mitglieder der Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘, um gespendete Fahrräder wieder fahrbereit zu machen. Mit vielFahrradwerkstatt 1 kreativem Geschick, gesammelten Altteilen und unter fachlicher Anleitung wurde die Straßentauglichkeit der schon in die Tage gekommenen Velos wieder hergestellt. Fahrräder sind für viele Flüchtlinge die einzige Möglichkeit, um ihre Mobilität zu verbessern. Ortschaften, die keine oder nur zeitlich sehr eingeschränkte Busverbindungen haben, erschweren es Vielen größere Orte mit Geschäften zu erreichen, Kontakte zu pflegen oder beispielsweise einen Sprachkurs zu besuchen. Neue Fahrräder oder größere Ersatzteile kann sich aus finanziellen Gründen keiner der Flüchtlinge leisten. Alle die gekommen waren gingen deshalb mit großer Begeisterung und Motivation an die Arbeit defekte Teile auszubauen und mit dem vorhandenen Altmaterial zu ersetzen. Gleichzeitig wurden schon reparierte, verkehrstüchtige Fahrräder Probe gefahren und Ausleihwünsche angemeldet.

Am gemeinsamen Mittagstisch mit diversen leckeren Suppen wurde weiter gefachsimpelt und Fahrradwerkstatt 2nach Möglichkeiten gesucht, wie man dringend benötigte zusätzliche Altfahrräder besorgen kann, um den Radius der Beweglichkeit von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern zu erhöhen. Auch die Dankbarkeit über die bisherige Hilfs- und Spenderbereitschaft der Mitbürger von Bad Gandersheim wurde von Vielen immer wieder betont.
Wer die Flüchtlinge bei der Integration durch Verbesserung ihrer Mobilität unterstützen möchte  und seine gebrauchten Erwachsenen- und Kinderfahrräder nicht mehr benötigt, kann diese gerne der Flüchtlingsinitiative ‚einLeben‘ spenden. Melden Sie sich bitte telefonisch unter 05382-95520 in der Diakonie Bad Gandersheim oder schreiben Sie eine E-Mail an kontakt@einleben.net (ni)

Terror, Verfolgung, Hunger – Das Elend in Eritrea

Am Mittwoch 03.02. veranstaltete die Flüchtlingsinitiative im Martin-Luther-Haus einen Vortragsabend zur aktuellen Situation in Eritrea, einemVortrag kleinen ostafrikanischen Staat am Roten Meer. Immer mehr Menschen verlassen das mit 6 Millionen je zur Hälfte aus Muslimen und Christen bewohnte Land, um den menschenunwürdigen Lebensumständen zu entfliehen. Die Referentin Nele Hansen, Anthropologin, erklärte in ihrer Präsentation anschaulich die geschichtlichen Hintergründe und die politische und katastrophale humanitäre Lage, die zur Flucht vieler Menschen führt. Etwa ein Fünftel der Bevölkerung lebt inzwischen im Ausland.

Eritrea, seit 1993 ein eigenständiger Staat, wird von der Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ) in einem Einparteiensystem über zwanzig Jahre diktatorisch durch ihren Parteivorsitzenden, Regierungschef und Staatspräsident Isayas Afewerki regiert. Das Land ist seit langem nach außen hin abgeschottet, Menschenrechtsorganisationen werden an den Grenzen abgewiesen und nur wenige Ausländer haben Zugang. Kenntnisse über die aktuelle Situation beruhen deshalb vorwiegend auf glaubhaften Augenzeugenberichten von geflohenen Eritreern. Ihre Schilderungen zeugen von erschütternden Lebensumständen der Bevölkerung. Willkürliche Verhaftungen, Folterungen, Vergewaltigungen und Tötungen durch Angehörige des Regimes sind an der Tagesordnung.

Ab 18 Jahren können alle Eritreer verpflichtet werden in der Armee zu dienen und das bis ins hohe Lebensalter. Der militärische Dienst wird häufig für körperlich schwere Zwangsarbeiten wie beispielsweise auf Baustellen und in der Landwirtschaft missbraucht. Meist profitieren die Eliten des Regimes von dieser kostenlosen EritreaArbeitskraft. Repressionen und gewalttätige Übergriffe sind auch hier alltäglich. Die im Jahr 1997 angekündigten demokratische Strukturen wurden nie eingeführt, die damals verabschiedete Verfassung nie in Kraft gesetzt. Stattdessen wurde die allumfassende Bespitzelung und Einschüchterung der Bevölkerung massiv ausgebaut. Angst, Misstrauen und Resignation kennzeichnen die Stimmungslage im Land. Die Flucht außer Landes ist sehr gefährlich, da Entführungen von Eritreern auf dem Weg in den Norden bedrohlich zugenommen haben. Für die Freilassung werden häufig Familienangehörige erpresst Lösegeld zu zahlen. Frau Hansen berichtete in dem Zusammenhang von zum Teil lagerähnlichen Orten auf der Halbinsel Sinai, wo systematisch Flüchtlinge gefoltert, vergewaltigt und verstümmelt werden, um Lösegeldforderungen Nachdruck zu verleihen.

Der sehr informative Vortrag machte deutlich, wie verzweifelt und perspektivlos Menschen sein müssen, wenn sie ihre Heimatland verlassen und sich unter solchen Umständen auf den Weg nach Norden machen, auf der Suche nach einem sicheren Ort und einer besseren Zukunft. (ni)

Wer sich für weitere Informationen über die Lage in Eritrea interessiert, hier eine kleine Auswahl von Links im Internet:

Bundeszentrale für politische Bildung:

http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/newsletter/195082/fluechtlinge-in-europa

http://www.bpb.de/internationales/afrika/afrika/59031/horn-von-afrika

Amnesty International – Eritrea:

https://www.amnesty.de/laenderbericht/eritrea

Wikipedia – Menschenrechte in Eritrea:

https://de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte_in_Eritrea#Sonderberichterstatterin_der_Vereinten_Nationen_f.C3.BCr_Eritrea

Deutscher Bundestag: Aktuelle Stunde zu Menschenrechtsverletzungen in Eritrea am 10.06.2015 https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2015/kw24_aktuelle_stunde_eritrea/377944

einLeben sucht aufgeschlossene Unterstützer für die Flüchtlingsbegleitung

Der Zuzug vieler Menschen in sehr kurzer Zeit ist für uns Ehrenamtliche, die einheimische Bevölkerung und ganz besonders für unsere neuen Mitbürger selbst eine große Herausforderung. Viele der geflüchteten Menschen, die dauerhaft in und um Bad Gandersheim wohnen werden, sind zu Beginn auf die Unterstützung offenherziger Mitbürger angewiesen. Uns wiederum kann der Kontakt helfen, um Unsicherheiten abzubauen und neue Erfahrungen zu machen. Denn nur so kann Integration und ein positives Miteinander gelingen!
Die Initiative einLeben bietet vielfältige Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe – auch für Menschen die wenig Zeit haben und flexibel bleiben wollen.
Unterstützen können Sie in folgenden Bereichen:

– in der aktiven Begleitung von in und um Bad Gandersheim dauerhaft untergebrachten Menschen oder der Übernahme von einzelnen Autofahrten,
Hilfen bei Behördengängen, Arztgängen, etc.

– bei der Sprachvermittlung, wie zum Beispiel privater Nachhilfe, Hilfe beim Vokabel lernen, Sprachpraxis oder Tandem-Lerngruppen

– durch Hilfestellung beim Einstieg in Jobs und Praktika

– bei der Planung und Umsetzung von Veranstaltungen der Initiative

Und auch darüber hinaus können Sie individuell nach Ihrer zur Verfügung stehenden Zeit und Ihren Fähigkeiten sich bei uns einsetzen.
Wenn Sie Interesse oder Fragen haben, melden Sie sich bitte über unsere E-Mail-Adresse kontakt@einleben.net oder über unseren Erfassungsbogen hier auf unserer Webseite www.einleben.net/kontakt
Wir freuen uns!

Die Initiative
einLeben

Jahreswechsel – „einLeben“ und viele Gäste feiern in der alten Diakonie und begrüßen das Jahr 2016

An den lachenden, fröhlichen Gesichtern konnte man gestern Abend gut ablesen, dass die Sylvesterparty ein voller Erfolg war. Die Flüchtlingsinitative „einLeben“ hatte dazuSylvesterfeier eingeladen gemeinsam mit den Neubürgern der Stadt Bad Gandersheim in der Alten Diakonie ins Neue Jahr zu feiern. Etwa Siebzig bis Achtzig junge und ältere alleinstehende Menschen oder ganze Familien waren der Einladung gefolgt. Zuvor hatten Mitglieder der Initiative die längere Zeit leerstehenden Räumlichkeiten schon vormittags  hergerichtet. Beleuchtung, Tische, Sitzgelegenheiten wurden organisiert und aufgestellt, Getränke besorgt. In der Zwischenzeit bereiteten unter anderem Flüchtlinge zuhause leckere Gerichte für das interkulturelle Büfett her.

bufett Dann ab 19 Uhr füllte sich die untere Etage des Hauses langsam. Die Kontaktaufnahme klappte ohne Probleme. Jeder fühlte sich sofort angenommen und integriert. Die fröhliche und ausgelassene Stimmung der Anwesenden steigerte sich, als aus der Musikanlage abwechselnd aktuelle Hits und landestypische Musik ertönten. Der große Eingangsbereich der Alten Diakonie wurde rasch zur Tanzfläche umfunktioniert und eine große Anzahl der Anwesenden folgte den Klängen in rhythmischen Tanzschritten und Körperbewegungen. Besonders die gemeinsamen Tänze Hand in Hand  im Kreis begeisterte Viele und ließ eine gelockerte, heitere Stimmung aufkommen. DasSylvester 3 reichhaltig mit vielen internationalen Köstlichkeiten gedeckte Büfett lud die Besucher immer wieder zwischendurch zum Essen ein. In den etwas ruhigeren Nebenräumen kam man schnell ins Gespräch. Ein Stimmengewirr aus deutscher, arabischer und englischer Sprache begleitete die lebhafte Unterhaltung. Besonders positiv auffallend war die Verständigungsmöglichkeit mit einigen noch nicht lange in Deutschland verweilenden Flüchtlingen in deutscher Sprache. Andere bemühten sich in den Gesprächen die im Anfängerkurs erlernten Wörter richtig anzuwenden und fragten immer wieder nach, ob ihre Aussprache korrekt sei und dass man sie falls nötig doch verbessern möge.

Manche der Flüchtlinge sah man aber auch zeitweise mit nachdenklichen Gesichtern am Tisch sitzen, hatten sie doch viel leidvolle Erfahrungen in dem ablaufenden Jahr gemacht und teilweise ihre Familien in den Kriegsgebieten zurücklassen müssen .

Nachdem man das Neue Jahr freudig begrüßt hatte, gingen die Partygäste sich zum Abschied reichlich bedankend zufrieden nach Hause. Alle fanden, dass es wirklich ein gelungener Abend war. (ni)
 

Sylvesterparty in der alten Diakonie – Mit den Flüchtlingen gemeinsam ins Jahr 2016 feiern

Mitglieder der Flüchtlingsinitiative „einLeben“ werden am 31.12. in den Räumlichkeiten der alten Diakonie am Barfüßerkloster eine Sylvesterparty veranstalten.  Herzlich eingeladen sind die im Raum Bad Gandersheim wohnenden Flüchtlinge und Bürger der Stadt. An diesem letzten Abend des Jahres soll den Besuchern in gemütlicherOrga-team Atmosphäre die Möglichkeit gegeben werden andere Menschen, deren Kultur und Lebensumstände näher kennen zu lernen und gemeinsam zu feiern. Da das Gebäude seit längerer Zeit nicht genutzt wurde, müssen die Räume für die Veranstaltung erst hergerichtet werden. Heute am  30.12. sind schon Mitglieder von „einLeben“ dabei aufzuräumen, zu säubern und Sitzgelegenheiten zu schaffen. Vorort wird in kleiner Runde der Organisationsplan besprochen, erstellt und die einzelnen noch zu erledigenden Aufgaben verteilt. Die Motivation ist groß und die Spannung auf die bevorstehende Sylvesterfeier ebenfalls.

Für das kommende Jahr ist geplant, dass die alte Diakonie wieder mit Leben erfüllt und zu einem „Interkulturellem Nachbarschaftszentrum“ hergerichtet werden soll. alte DiakonieVerschiedene Angebote sollen Flüchtlinge als Neubürger mit anderem kulturellen Hintergrund und schon länger hier lebende Bad Gandersheimer Bürger einander näher bringen, um sich besser verstehen und (ein)schätzen zu können. Ebenfalls im Gespräch sind Beratungsangebote und Hilfestellungen für Flüchtlinge und deren Familienangehörige im Alltag und bei der Berufsfindung bzw. Jobsuche mit der Absicht, eine bessere Integration in unsere Gesellschaft zu ermöglichen.

Beginnen wird die Sylvesterfeier um 19 Uhr. Jeder soll etwas zum Essen mitbringen, sodass ein leckeres interkulturelles Bufett aufgebaut werden kann. Auch Familien mit kleinen und großen Kindern sind herzlich willkommen. Für Getränke ist gesorgt. (ni)

 

Auch den Diakonissen liegt eine tatkräftige Unterstützung der Flüchtlingsarbeit vor Ort am Herzen.

Sehr erfreut war der Arbeitskreis Flüchtlingshilfe „einLeben“, als Schwester Karin Hansen sich bei Nachfrage sofort einverstanden erklärte,  einigen Flüchtlingsfrauen Nähunterricht zu geben. So wurde zuerst nach geeigneten Nähmaschinen bei Bekannten gefragt und gesucht und auch gefunden. Inzwischen kommen drei Frauen in den Nähunterricht ins Cäcilie-Petersen-Haus und sind mit viel Freude bei der Sache. Zwei Frauen stammen aus dem Iran und legen sehr viel Wert darauf dass sie Perserinnen sind. Die Dritte stammt aus Eritrea. Stoffe wurden von der Dekorationsfirma in Einbeck, die schon lange mit dem Mutterhaus Salem zusammenarbeitet, gestiftet. Damit konnte es losgehen und es entstanden bereits Tragetaschen, Kissenbezüge, Kinderbekleidung und zuletzt Gardinen für eine neue Wohnung. So geschah es im Cäcilie-Petersen-Haus fast zwangsläufig, dass durch die entstandene Nähe zu Flüchtlingen der Wunsch nach mehr Begegnung und Beziehung mit ihnen wächst.

Diese Erfahrungen machen wir als Begleiter/innen von Flüchtlingen neben aller Arbeit immer wieder als sehr bereichernd und beglückend. Das Teilen und Schenken von Kraft, Zeit, Motivation und Fantasie ist zu tiefst sinnvoll und weihnachtlich. Die Schwestern des Cäcilie-Petersen-Haus haben an einem Nachmittag jetzt im Advent am Flüchtlingsschicksal zweier Familien teilgenommen. Der junge Mann aus Eritrea erzählte etwa holperig, aber in Deutsch von der Angst des ständigen Krieges in seinem Land. Er ist mit seiner jungen Frau Merry, die ein Baby erwartet geflohen und lebt jetzt hier bei uns in Bad Gandersheim. Er möchte so gerne bald Arbeit finden. Hinter der iranischen Familie liegt ein Schicksal, dass wir immer wieder, wenn auch viel zu wenig eindrücklich aus den Nachrichten mitbekommen. Sie mussten fliehen, da er im Iran aus Überzeugung und nach einer Hirnoperation Christ geworden war. Durch Denunzierung eines „Freundes“ war die Flucht aus der Heimat der einzige Weg, dem Todesurteil zu entkommen. Trotz Heimweh und Sehnsucht nach Eltern und Geschwistern im Iran dankten sie, dass sie hier neue Freunde kennen gelernt haben.

Zum Abschluss der bewegenden Begegnung an diesem Nachmittag wurden noch für die Familien Geschenke und für die Flüchtlingshilfe „einLeben“ eine stattliche Geldspende von allen Schwestern übergeben. Es ist sehr zu danken, dass die Schwesternschaft, die sich in vieler Hinsicht an die eigenen Fluchterlebnisse im letzten Krieg noch lebhaft erinnern, im Gebet und in der Tat am Flüchtlingselend dieser Zeit so warm und von Herzen teilnehmen. (pi)

bei den Schwestern               Nr 2              IMG_2963

Bild 1: Die Adventseinladung der Schwestern und Mieter des Cäciliuie-Petersen-Haus

Bild 2: Beim Nähen entstehen schöne und praktische Dinge

Bild 3: Die kleine Nika vergisst bei der Verabschiebung auf keinen Fall die Geschenke

Deutschkurse – von Flüchtlingen gut angenommen

Jede Woche kommen neue Migrantinnen und Migranten nach Bad Gandersheim. Die KVHS Northeim hat deshalb ihr Angebot seit vergangenem Herbst stark erweitert, um möglichst alle Interessierten zu erreichen, die einen Wohnsitz  hier in GandersheimAlphakurs Drieschner zugewiesen bekommen haben. Einige warten auf den Asylbescheid, andere haben ihn bereits positiv erhalten. Um die unterschiedlichen Lernstufen berücksichtigen zu können, sind zum einen Kurse eingerichtet worden, die die Alphabetisierung zum Thema haben, also die lateinische Schrift vermitteln und auf dieser Basis erste deutsche Ausdrücke lehren, als auch Kurse, die die geringen bis guten Vorkenntnisse der Migrantinnen und Migranten fördern und ausbauen. Insgesamt laufen derzeit in Bad Gandersheim, Altgandersheim und Sebexen acht Kurse. Als Kursleiter sind Dietmar Drieschner und Francesco Longheu in Alphakursen tätig. Am Nikolaustag hat Dietmar Drieschner die Gelegenheit genutzt, ein bisschen Landeskultur mit süßen Überraschungen zu verbinden und seinen eifrigen Schülern ein vorweihnachtliches Geschenk mit nach Hause zu geben. Norbert Braun und Upul de Silva unterrichten Anfänger in A1-Kursen, Dr. Birgit Bödeker und Sigrid Bostelmann arbeiten auf A1-Niveau mit fortgeschrittenen Anfängern. Gudrun Söffker unterrichtet Fortgeschrittene zwischen A2 und B1. Dieser Kurs ist am 19. Dezember zu einer Exkursion nach Göttingen gefahren, um das Gelernte bei praktischen Übungen in der Bahn, der Tourist-Information und in Geschäften zu erproben. Außerdem erhielten die Migranten Einblicke in die Nutzung der Universitätsbibliothek. Die Pflanzenwelten in den Gewächshäusern des Alten Botanischen Gartens schenkten ihnen ungeahnte Erlebnisse. Auch Roza G. aus Eritrea hat der Ausflug nach Göttingen gut gefallen: „Ich bin schon in Göttingen gewesen, aber so wie heute habe ich es noch nie erlebt: Mit A2 Kurs Göttingenschönen Geschichten wie z.B. der Erzählung vom Gänseliesel. Mit das beste war der Jacobi-Kirchturm, auf den wir geklettert sind! Die Plattform ist 62 Meter hoch, und der Turm ist 600 Jahre alt. Ich habe Göttingen mit anderen Augen gesehen, das war sehr schön. Ein großes Dankeschön an alle Mitfahrenden“. Für das kommende Jahr ist die Teilnahme an Prüfungen auf unterschiedlichen Niveaustufen angestrebt. Jugendliche werden in der Grund- oder Oberschule aufgenommen bzw. von dort an geeignete Schulen der Region weiter vermittelt. Auch das Roswitha-Gymnasium hat langjährige Erfahrung in der Betreuung von jungen Migrantinnen und Migranten.

Zahlreiche Ehrenamtliche engagieren sich seit Jahren in der Sprachvermittlung und sind nach wie vor wichtige Ansprechpartner für die neuen Bad Gandersheimer. Privater Nachhilfeunterricht ist von ihnen vielfältig angeboten worden und unterstützt die regelmäßigen Kursstunden mit individueller Förderung. Durch den großen Einsatz aller ist Gandersheim damit gut aufgestellt. Innerhalb des Netzwerkes für Flüchtlingshilfe „einLeben“ sind Elke Pilz (Telefon 05382/907210) und Irene Söffker (gleichzeitig Außenstellenleiterin der KVHS, Telefon 05382/3124) die Ansprechpartnerinnen für alle, die als mögliche Teilnehmer oder Nachhilfelehrer weitere Informationen zu den Sprachangeboten haben möchten. (söf)

Bild 1: Kleine Weihnachtsüberraschung für Teilnehmende des Alphakurses

Bild 2: Exkursion des Fortgeschrittenenkurses nach Göttingen